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Castingshows kennen wir alle – ob wir wollen oder nicht. Seit zehn Jahren kommt keiner mehr an ihnen vorbei: „Popstars“, „Deutschland sucht den Superstar“, „X-Faktor“, „The Voice of Germany“, „Deutschland sucht das Supertalent“ – oder eben die Modelversion „Germany’s next Topmodel by Heidi Klum“. Diese Sendungen haben Wahnsinnsquoten und sind auch nach vielen Staffeln immer noch Publikumsliebling. Seit wenigen Wochen gibt es eine neue Show, die die Gemüter erregt und im Netz stark diskutiert wird: Curvy Supermodel am Mittwochabend zur PrimeTime auf RTL 2. Das Konzept der Sendung? Germany’s next Topmodel-like für kurvige Mädchen (Konfektionsgröße 40-44) mit Modelambitionen. Eine Jury gibt es auch: Profitänzerin Motsi Mabuse (bekannt aus Let’s Dance), das bekannte deutsche Plus Size-Model Angelina Kirsch, Modemacher, Exot und Frauenversteher Harald Glööckler und Modelmacher der Achtzigerjahre Ted Linow, der schon mit Naomi Campbell und Tatjana Patitz arbeitete.

In jeder Show müssen die jungen Frauen Aufgaben und Fotoshootings absolvieren, am Ende der Sendung gibt’s einen Catwalk und das Urteil der Jury. So einfach, so gut. Eigentlich ist alles ganz normal, wären da nicht die Pfunde der Kandidatinnen und deren Probleme mit eben diesen. Einige der jungen Frauen, die mit ihren Rundungen fernab von den gängigen Modelmaßen liegen, sind sehr unsicher, fühlen sich hässlich und trauen sich nicht in Bademode auf den Catwalk. Sie erzählen immer wieder, wie sehr sie von ihren Mitmenschen gemobbt werden, wie hässlich und unattraktiv sie sich finden. Doch die Jury fordert mehr Selbstwertgefühl, mehr Sexyness, mehr Attitüde, mehr Biss. Denn nur eine kann Curvy Supermodel werden und damit Kampagnengesicht der Modemarke Studio untold. Wer seinen Körper nicht annimmt und liebt, wie er ist, taugt nicht zum Positivbeispiel und wandelt wohl eher nicht auf den Spuren berühmter Plus Size-Models wie Ashley Graham oder Tess Holliday. Wer mit seinem Äußeren ein Problem hat, kann damit kein Geld verdienen! So hart ist nun mal die Realität.

Und es wird wieder mal deutlich, wie fragwürdig die Sicht der Modeindustrie auf uns Frauen ist: Mit Größe 34 und kaum etwas auf den Rippen gelten wir in den Augen der Modemacher als schön. Wer Konfektionsgröße 40/42 hat, ist aus Sicht der Designer ein Übergrößen-Model. Dabei ist die Konfektionsgröße 40/42 völlig normal und gesund. Kein Extrem ist gut – weder zu dünn noch zu dick. Auch machen ausladende Kurven ein weibliches Wesen nicht zu einer „echten“ Frau und kleine Brüste und ein flacher Po zu keiner „echten“ Frau: Die Modeindustrie muss begreifen und lernen: Sie macht Mode für Menschen, Menschen sehen unterschiedlich aus und jede Frau hat einen Anspruch auf Bekleidung, die ihr passt und schmeichelt. Wir alle bezahlen dafür gutes Geld. Die Modeindustrie lebt von uns, also sollte sie sich auch nach uns richten. Nicht wir müssen ins Raster passen!

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Es ist völlig überholt, in „Size Zero“ oder „Plus Size“ zu denken und – ganz besonders – zu bewerten, zu urteilen und in „schön“ und „hässlich“ einzuteilen.  Es ist falsch, Schönheit einer Konfektionsgröße unterzuordnen. Und es ist ebenso unkorrekt, dass bei Curvy Supermodel immer wieder betont wird, dass der Zuschauer „richtige“ Frauen zu sehen bekommt und wie weiblich Kurven machen. Jede Frau ist echt. Und es macht keine Körperform schöner, attraktiver oder sinnlicher, indem man andere Formen abwertet! Ich finde es schade, dass die Jury mit solchen Äußerungen in die wunden Punkte vieler Frauen haut und hier wieder einen „Idealzustand“ und ein „Schönheitsideal“ stilisiert, das keines ist – oder eben eines von vielen.

Dennoch freue ich mich über das neue Castingformat und hoffe, dass es vielen Frauen Mut macht, zu ihren Formen und Pfunden zu stehen. Ich vermisse allerdings wahrhaftig füllige Frauen im neuen TV-Format. Was ist mit den Rubensfrauen ab Konfektionsgröße 50? Ach stimmt, sie passen ja nicht in das Schema der Modeindustrie und damit nicht in ein solches Format. Das wird sich vielleicht in Zukunft ändern, denn kräftige Frauen entwickeln immer mehr Selbstbewusstsein, haben Freude an Mode und wollen sich nicht mehr verstecken – vielleicht motiviert dazu auch Curvy Supermodel. Also, liebe Modemacher, liebe Medienleute: Manchmal ist mehr wirklich mehr. Traut Euch endlich und ignoriert nicht die Menschen, für die Ihr tatsächlich Mode macht. Mode soll Spaß machen, kein Diktat sein oder Zwang: Wäre toll, wenn das für füllige Frauen endlich Realität ist.

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