Berührungen

Mein Name ist Reio Vilipuu., ich lebe in Tallinn, Estland und arbeite als Physiotherapeut. Im Laufe der Jahre habe ich immer wieder erlebt, dass die Erkrankung an Brustkrebs nicht ohne Folgen für die Psyche bleibt. So gibt es Frauen, die es auch Monate nach einer Mastektomie noch nicht gewagt haben, sich im Spiegel zu betrachten, sich zu waschen oder sich zu berühren. Das ist schmerzhaft – für die Frauen selbst und für die Therapeuten, die mit ihnen arbeiten. Denn es ist ein Symptom dafür, dass der veränderte Körper noch nicht akzeptiert wurde.

Als Übersprungshandlung stürzen sich einige Frauen in Aktivitäten, machen Diäten, ändern Gewohnheiten oder kaufen neue Kleidung. Nicht alles ist für die Außenwelt erkennbar. Wenn aber jemand die richtigen Fragen stellt, brechen sich Millionen Gedanken Bahn, die vorher nicht zugelassen wurden. Obwohl dies ein schmerzhafter Prozess ist, empfehle ich Freunden und Angehörigen, nicht davor zurückzuschrecken, diese Fragen zu stellen, und dann für die Betroffene da zu sein.

Normalerweise kommen Patientinnen eine Woche nach Mastektomie oder Lumpektomie zu mir, und wir besprechen das Naheliegende: Lymphsystem und mögliche Ödeme in Arm und Brust, Narbenbildung, das Fasziensystem, die Wiederherstellung des normalen Bewegungsumfangs von Schulter und Schulterblatt, erste einfache Übungen usw.

Erst, wenn sich ein gewisses Vertrauen zwischen uns eingestellt hat, bitte ich sie, die Arme frei zu machen, um im Abstand von vier Zentimetern den Armumfang zu messen. Auf diese Weise lassen sich Monate oder Jahre später mögliche Schwellungen des Arms ermitteln. Damit ist auch die erste Berührung der Patientin geschafft. Nun möchte ich die Narbe sehen. Dies ist der schwierigere Teil. Jede Patientin hat den Reflex, sich mit einem Handtuch o. ä. zu bedecken. Für die Therapie muss ich die Narbe und die unbedeckte Haut aber sehen und berühren können. Nach einiger Zeit haben die meisten Patientinnen auch keine Probleme mehr damit, sich frei zu machen und mit nacktem Oberkörper auf den Behandlungstisch zu legen. Aber was hat diese Veränderung bewirkt?

Durch die Berührungen erhält das autonome Nervensystem Informationen über den Körper.

Das Vertrauen zum Therapeuten oder zur Therapeutin spielt hier natürlich eine maßgebliche Rolle, aber auch die Berührung. Während der ersten Therapiesitzungen führen wir eine manuelle Lymphmassage durch, bewegen sanft die Narbe, die Haut, die Faszien. An manchen Stellen kann dies zwar schmerzhaft sein, im Großen und Ganzen ist es aber angenehm. Die warme Berührung durch die Hände stößt den Heilungsprozess auf vielen verschiedenen Ebenen an: Sie nimmt die Angst und fördert die geistige Wahrnehmung der Narbe und die generelle Wahrnehmung des Körpers. Oft fragen die Patientinnen anschließend nach der richtigen Reinigung der Narbe, und was sie sonst noch für sich tun können.

Durch die Berührungen erhält das autonome Nervensystem Informationen über den Körper und die äußere Umgebung und reagiert darauf, indem es körperliche Vorgänge anregt oder hemmt: wie den Blutdruck, die Herz- und Atemfrequenz, die Körpertemperatur, die Verdauung und den Stoffwechsel usw. Vor allem aber wird die Patientin ruhiger, entspannt sich, fühlt sich generell besser und positiver. Auch auf den betroffenen Teil des Körpers haben Berührungen und das Bewegen der Haut und des gesamten Bindegewebes eine große Wirkung. Das Gewebe wird gelockert, genauso wie die Faszien. Flüssigkeiten können besser abfließen, Ödeme und Schwellungen gehen zurück, das Spannungsgefühl verschwindet. Die Patientinnen fühlen sich beweglicher und sind eher bereit, ihre Übungen auszuführen, die den Heilungsprozess beschleunigen.

Anhand der Farbe und Temperatur von Haut und Narbe beurteilen wir Therapeuten, welche Übungen sich als Nächstes anbieten. Es wird erfühlt, wie elastisch das Gewebe ist, unbewegliche Kollagenbereiche und schmerzende Bindegewebsstränge in der Haut werden ertastet. Auch Flüssigkeitsansammlungen im Gewebe, die Kompressions­klei­dung, Spezial-BH oder Lymphtherapie erfordern, lassen sich so ermitteln.

Aus der Berührung der Patientinnen lassen sich zahlreiche Informationen für die richtige Therapie gewinnen. Zudem wirkt sich die Berührung in vielerlei Hinsicht positiv auf die Patientinnen aus und kann den gesamten Heilungsprozess beschleunigen.