Den weiblichen Zyklus für dich nutzen: Ein Erfahrungsbericht aus dem Profisport

Immer wieder werde ich gefragt: „Wie machst du das, wenn du deine Periode hast? Wie machst du da Sport? Ich würde am liebsten dann den ganzen Tag nur im Bett liegen bleiben.“ Und ehrlich – als Profisportlerin geht mir das manchmal genauso!
Vor ein paar Jahren noch war das ein absolutes Tabuthema. Niemand hat wirklich über die Periode geredet. Früher im Schulunterricht war es vielen sogar unangenehm zu kommunizieren, dass man aufgrund von Unterleibsschmerzen nicht am Sportunterricht teilnehmen möchte. Inzwischen hat sich das glücklicherweise geändert. Es wird immer normaler über Themen wie Periode, Zyklus und auch Verhütung im Sport, zu sprechen.
Denn was viele nicht wissen oder beachten: Der weibliche Zyklus hat einen großen Einfluss auf unsere körperliche und mentale Leistungsfähigkeit im Sport. Und genau diesen Einfluss können wir nutzen.
Den Zyklus verstehen
Biologisch gesehen wird der weibliche Zyklus in vier Phasen aufgeteilt: Menstruation, Follikelphase, Eisprung und Lutealphase. Dabei tritt der Eisprung etwa in der Mitte des Zyklus auf. Wenn man es vereinfachen möchte, kann man also zwei Phasen festmachen: die Zeit vor und die Zeit nach dem Eisprung. Und diese Phasen verhalten sich performancetechnisch ziemlich entgegengesetzt.
In der ersten Hälfte (Follikelphase bis Eisprung) sinkt die Körpertemperatur, der Ruhepuls wird niedriger und die Herzfrequenzvariabilität (ein Indikator dafür, wie gut sich dein Körper erholt) steigt. Kurzum, du fühlst dich, als könntest du Bäume ausreißen. Durch den steigenden Östrogenspiegel fallen Krafttraining und schnellkraftspezifische Einheiten deutlich leichter.
In der zweiten Phase (Lutealphase) kann das ganz anders aussehen. Vielleicht hast du mehr Lust auf kohlenhydrathaltiges Essen, es kommt zu Wassereinlagerungen oder du kämpfst mit PMS-Symptomen wie Stimmungsschwankungen und Müdigkeit. Intensiveres Training fühlt sich anstrengender an, während moderate Ausdauereinheiten oft besser klappen.
Und genau das ist unsere Superpower: Unser Körper signalisiert uns genau, was er braucht und wozu er gerade in der Lage ist.
Kommunikation als Schlüssel
Seit Jahren tracke ich meinen Zyklus. Ich weiß ungefähr, wann es zum Eisprung kommt, wann meine Periode kommt und wann sich der Hormonhaushalt so verschiebt, dass ich meinem Körper etwas mehr Ruhe gönnen sollte.
Was mir dabei ungemein hilft, ist, dass mein Trainer und ich uns dazu seit Jahren eng dazu abstimmen. In einem vertrauensvollen Verhältnis reden wir ganz offen darüber, wie es mir geht und wann mir die hormonellen Schwankungen mehr zu schaffen machen. So können wir das Training gegebenenfalls anpassen oder ganz streichen.
Integration im Training
Auch wenn jeder Zyklus individuell ist, kommt es bei mir in der zweiten Hälfte regelmäßig vor, dass ich mein Training spontan anpassen muss.
Vor ein paar Wochen war ich auf der Laufbahn: höchst unmotiviert, müde und schlapp. Der Tag war bis dahin schon nicht toll gelaufen und in dem Moment habe ich es absolut nicht gefühlt, meine
Intervalle in der angedachten Zeit zu laufen. Mir war klar, ich müsste mich extrem quälen, um das wie geplant durchzuziehen. Also habe ich kurzerhand entschieden, anstatt acht Wiederholungen nur fünf zu machen und diese etwas langsamer anzugehen. Erst im Nachgang, als ich mit meinem Trainer darüber gesprochen habe, wurde mir klar: Ich war genau drei Tage vom Start meiner Periode entfernt.
Eine Woche später stand ein nahezu ähnliches Programm auf dem Trainingsplan. Schon am Morgen wusste ich: Das heute wird ein Kinderspiel. Am Ende war ich deutlich schneller unterwegs als eigentlich gedacht, und es hat sich einfach unfassbar gut angefühlt.
Ein Programm, mit nur einer Woche dazwischen, zwei verschiedene hormonelle Zustände und ein riesiger Unterschied in der Leistung. Zumindest in der objektiven Leistung. Wenn ich meinen Trainer frage, hätte er die Trainingseinheit in der ersten Woche vermutlich höher bewertet. Einfach weil ich auf meinen Körper gehört habe, mich im Rahmen des Möglichen überwunden habe und nicht daran verzweifelt bin.
Ich habe gelernt, dass ich an genau diesen Tagen – ob voller Energie oder schlapp – auf meinen Körper hören darf und muss. Er gibt den Takt vor.
Es gehört viel Übung und Achtsamkeit dazu, behutsam mit sich selbst umzugehen, wenn man es braucht - aber sich auch zu fordern, wenn der Körper bereit dafür ist. Oft sind wir leistungsfähiger als wir glauben, wenn wir mit anstatt gegen uns selbst arbeiten.
Kennst du dieses Gefühl? Trackst du deinen Zyklus und hast auch schon mal bemerkt, wie unterschiedlich sich das Sportmachen in dem Zeitraum anfühlt?
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